Ulrich Junius an Gottfried Kirch am 9. Dezember 1699

Der sächsische Kurfürst Friedrich August I. („August der Starke”) (1670-1733) hat im Jahr 1699 mit einem lokalen Kalendermonopol für das Kurfürstentum Sachsen absolutes Neuland beschritten. Am 8. November 1699 erteilte er dem Leipziger Verleger Thomas Fritsch (1666-1726) ein Privileg zur Herausgabe von Kalendern, welches Thomas Fritsch das alleinige Recht garantierte, Kalender für Kursachsen zu drucken, sie zu verlegen und zu verkaufen. Es untersagte strikt jegliche Konkurrenz durch andere Kalenderverleger und Kalenderhändler. Der Autor der bei Fritsch gedruckten Kalender war der zu dieser Zeit in Leipzig studierende Ulrich Junius.

Am 9. Dezember 1699 hatte der junge Ulrich Junius an den befreundeten fast 60jährigen Gottfried Kirch, den er mit „Herr Gevatter“ anredet, ein Brief geschrieben, in dem es unter Anderem heißt (vgl. Kirch-Edition, Band 2, Seite 375 f.):

„Sonsten berichte den hr. Gevatter, daß Frittsch allhier ein privilegium von dem König bekommen, im ganzen Chur-Fürstenthumb Sachsen den Calender alleine zuverlegen, und lässet auff das 1700. jaht über kopff und halß einen drücken. zu dieser arbeit haben hr. Ihlen und ich den hr. Gev. recommendirt, aber hr. Fritsch will einen in Leipzig haben, der ihm alle discurse nach Seinen kopff einrichte, alle correctionen auff sich nehme, und in summa zu seinem gefallen lebe, darzu wolte er hr. Schelle gebrauchen, weil aber dieser ihm den Calender in 8. tagen nicht lieffern wolte, so schickte er nach mir, daß ich ihm solchen in besagter zeit machen möchte: ehe ich nun die arbeit auff einen landfrembden wolte ankommen lassen, so arbeite ich iezo tag und nacht daran, damit er bis au den dienstag fertig werde, dann das privilegium ist erst vor 8. tagen in das werck gerichtet worden: es will aber hr. Fritsche wenig pro labore geben, und hatt man eine schreckliche
scherrerey mit diesem Mann, doch will ich sehen, wie weit ich mit ihm kommen werde; es wird aber diese arbeit wohl bald ein ende nehmen, weil hr. Prof. Pfauz dieselbe an sich zu suchen trachtet, und also dieses wohl mein erster und letzter Calender seyn wird; daran ich aber niemahlen gedacht, daß ich auff Universitäten solte einen Calender machen”

Hier ein Digitalisat des von Ulrich Junius verfassten und bei Thomas Fritsch in Leipzig verlegten Verbesserten Calenders Auf das Jahr 1700. In dem Kalender wird übrigens zu Beginn der Wortlaut des Privilegiums von Friedrich August I. abgedruckt.

Bei seiner offenbar unter Zeitdruck stehenden Arbeit an dem Kalender für den Verleger Fritsch hatte Junius Daten-Material von Kirch genutzt und als seine Arbeit ausgegeben (vgl. Kirch-Edition, Band 3, Seite 497), was wahrscheinlich die Ursache für den Bruch in der Freundschaft zwischen Kirch und Junius war.

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Am 18. November 1699 …

… kommt Georg Albrecht Hamberger in seinem Brief an Johannes Meyer explizit auf den wesentlichen Punkt zu sprechen, der letztendlich gegen eine tatsächliche Etablierung des Collegium Artis Consultorum sprach, auf welches Weigel hingearbeitet hatte. Die Kalenderreform wurde mit dem Beschluss des Corpus Evangelicorum vom 23. September 1699 allein durch die protestantischen Stände für die evangelischen Länder Deutschlands
beschlossen und nicht, wie ursprünglich angestrebt, durch die Autorität des Kaisers als neuer und für alle verbindlicher Kalender im gesamten Reich verkündet. So haben lediglich die evangelischen Länder ihren Verbesserten Kalender eingeführt, was keinerlei Änderung für die Anwendung des Gregorianischen Kalenders bei den Katholiken bedeutete. Ohne die Annahme eines einheitlichen Kalenders für alle deutschen Territorien und ohne Proklamierung eines Kalendermonopols, welches die Finanzierung des Collegiums hätte sichern sollen, sah man sich seitens der Beführworter weder mit den notwendigen Privilegien und Befugnissen noch mit den notwendigen Mitteln ausgestattet, um die Arbeit aufnehmen zu können. Zudem war das Collegium trotz der formalen Bewilligung durch den Kaiser vom 27. Juli 1697 und der weitreichenden Vorarbeiten Weigels o ffenbar überhaupt noch nicht zusammengetreten.

Veröffentlicht unter 11 | November, 1699, Collegium Artis Consultorum, Gregorianischer Kalender, Verbesserter Kalender, Weigels Kalenderreformvorschlag | Kommentar hinterlassen

Am 15. Oktober 1582 trat der Gregorianische Kalender in Kraft, …

… zumindest in den katholischen Ländern, die die Reform sofort annahmen.

Heute war ich auf den Seiten von Spektrum.de auf die Frage Seit wann gilt der Gregorianische Kalender? gestoßen. Als Antwortmöglichkeiten gab es die Jahre 1582, 1700, 1752, 1918 und 1927, welche alle als richtig deklariert wurden.

Mit dem Jahr 1700 hatte ich aber so meine Probleme und konnte es mir nicht verkneifen, eine entsprechende Lesermeinung zu verfassen. Zumindest die in dem Beitrag angegebene Begründung

Seit Beginn des Jahres 1700 galt der Gregorianische Kalender schließlich in allen evangelischen Territorien des Deutschen Reiches.

kann so nicht unkommentiert bleiben. Bekanntlich hatten die evangelischen Reichsstände im Febrauar/März 1700 nicht den Gregorianischen sondern ihren „Verbesserten“ Kalender eingeführt. Beide Kalender stimmen zwar in der Tagesdatierung überein, unterscheiden sich jedoch in der Berechnug des Osterdatums. Während im Gregorianischen Kalender eine zyklische Osterfestrechnung implementiert ist, das heißt, das Osterdatum rein rechnerisch bestimmt wird, wurde das Osterdatum im „Verbesserten“ Kalender nach den tatsächlichen astronomischen Gegebenheiten festgelegt. Dass beide Berechnungsmethoden zu unterschiedlichen Resultaten führen können, war von Anfang an bekannt, siehe Osterparadoxon. Auf der Wikipediaseite zum Gregorianischen Kalender wird 1700 ebenfalls fälschlicherweise als Einführungsjahr des Gregorianischen Kalenders in den evangelischen Territorien Deutschlands genannt. Der Gregorianische Kalender, der heute offizielle Grundlage unserer Zeitrechnung ist, wurde aber erst 1775 in allen Territorien des Deutschen Reiches eingeführt. Auf Veranlassung Friedrichs II. (1712-1786) haben die evangelischen Reichsstände am 13. Dezember 1775 die astronomische Osterfestrechnung abgeschaff t und damit de facto den Gregorianische Kalender endgültig – einschließlich seiner Osterfestrechnung – übernommen.

Um zu sehen, ob bei Spektrum.de die Antwortvariante „b) 1700“ ihre Berechtigung behält, wäre also genauestens zu überprüfen, welche Osterfestrechnung in den anderen Ländern angenommen wurde, die 1700 ihren Kalender erneuerten. – This is an exercise which is left to the reader. 😉

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Beschluss des Corpus Evangelicorum vom 23. September 1699

Am 23. September 1699 beschloss das Corpus Evangelicorum der vereinigten evangelischen Reichsstände Deutschlands in Regensburg die Annahme des „Verbesserten Kalenders“, das heißt, der Kalenderreform von 1700, wonach auf den 18. Februar 1700 direkt der 1. März 1700 folgt.

Hier der Wortlaut des betreffenden „Conclusums“

Conclusum Corporis Evangelicorum vom 23. Sept. 1699.
Die CalenderVerbesserung betre end.

Nachdeme die Calender-Verbesserung bey dem Corpore Evangelico in behörige Deliberation gestellt worden, so hat man einmüthiglich vor gut befunden und geschlossen, daß
1. Die nach dem 18. Febr. st. v. folgende 11. Tag des 1700. Jahrs in denen Calendern auszulassen, und das Matthiæ Fest auf besagten 18. Febr. zu legen seye.
2. Die Oster-Fest-Rechnung, und was davon dependirt, in Zukun t weder nach dem, im Julianischen angenommenen Dionysianischen viel weniger Gregorianischen Cyclo, sondern nach dem Calculo Astronomico (wie ehemals zu Zeiten des Concilii Nicæni beschehen) gemacht werde.
3. Die Evangelische Sonn- Fest- und gemeine Wochen und Wercktäg, wie bishero, also jederzeit in eine besondere Columnam gebracht werden, mit darüber gesetzter Inscription: Verbesserter Calender.
4. Allerseits Mathematici Evangelici dahin angewiesen werden, mit denen Königl. Schwedischen, über die von selbigen gethane Vorschläg fleißig zu communiciren, ob, und wie, so wohl gedachte Vorschläg als das gantze Werck vollends zum Stand zu bringen seyn möchte.
5. Denen Mathematicis ebenmäßig aufzugeben, daß selbige darauf gedencken solten, wie kün ftighin und mit der Zeit der bissherige abusus der Astrologiæ Judiciariæ aus denen Calendern bleiben könne. Wie nun
6. Diese Calender-Veränderung aus der, denen Evangelischen Ständen des Reichs in Sacris & Profanis zustehenden hohen Macht und Gewalt, bey dem Corpore Evangelico resolvirt und beschlossen worden, also wäre solches in denen dieser Calender-Veränderung wegen in deren Landen auszufertigenden Publications Edictis insonderheit anzuführen; Und
7. Die Publication dieses Schlusses in allen Evangelischen Landen den letzten Sonntag vor dem Advent dieses 1699. Jahres zu bewerckstelligen.

Hamberger schrieb am 14. Oktober 1699 an Meyer

… mit Verwunderung ersehen daß bey der letzten Versamlung unseres seel. Vatters Hn Weigelii gute intention so viel habe leiden müssen. Weil mir aber dieses dunckle Wort so will um eine Erleiterung dienstl. gebetten haben. Insonders aber wundert mich, daß die sich der Sach nicht angenommen, von denen man es am meisten vermuthen sollen. Ich kan versichern, daß in denen an mich ergangenen guten rescripten des seel. Mannes Vorschlags mit ungemein gnädigen terminis gedacht, u. außdrücklich befohlen worden dahin nach Vermögen zu trachten, daß Er zum Stand komme, wie [ih]nen in gleichen terminis nach Regenspurg rescribirt [wor]den.

Darin kommt deutlich seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass mit dem Conclusum des Corpus Evangelicorum Hambergers die von Erhard Weigel eingebrachten Vorschläge nur zu einem geringen Teil umgesetzt worden sind. Ernüchterung dürfte insbesondere darüber geherrscht haben, dass das angestrebte Collegium Artis Consultorum in den Beschlüssen keinerlei Rolle spielte.


Literatur

Veröffentlicht unter 09 | September, 1699, Collegium Artis Consultorum, Kalendervorschlag | Kommentar hinterlassen