Mitteldeutscher Historikerpreis 2014 „Wissenschaftgeschichte“

Ende Mai war ich zufällig auf den Mitteldeutschen Historikerpreis aufmerksam geworden, den die Krostitzer Brauerei unter dem Namen „Urkrostitzer Jahresring“ seit 2004 jedes Jahr für Laien- bzw. Hobbyhistoriker ausschreibt. Bei einem Besuch im Sachsen-Anhaltinischen fiel mir die betreffende Ausschreibung in der Lokalpresse ins Auge. Beim genaueren Durchlesen der Teilnahmebedingungen ging mir so durch den Kopf, dass ich mit meinen „Kalenderbriefen“ alle Konditionen erfülle: Zum einen habe ich nicht Geschichte studiert, bin also kein Profi auf dem Gebiet der historischen Forschung, und zum anderen beziehen sich die „Kalenderbriefe“ auf den Mitteldeutschen Raum, der durch die drei Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt definiert wird. Thematisch sind dagegen keinerlei Grenzen gesetzt. Da Georg Albrecht Hamberger Mathematiker in der Universität in Jena war, sein Vorgänger Erhard Weigel zudem in Leipzig studiert hatte und außerdem weitere Beteiligte aus dem geografisch abgegrenzten Bezugsraum stammen, habe ich die „Kalenderbriefe“ im August dieses Jahres kurzerhand eingereicht.

Etwas überrascht war ich dann schon, als mich im November ein Anruf aus Leipzig erreichte und ich zur Preisverleihung eingeladen wurde.

Der Tag der Preisverleihung, der 9. Dezember 2014, war passend gewählt. Am 9. Dezember 1594 (nach dem Julianischen Kalender) wurde nämlich Gustav II. Adolf von Schweden geboren, dessen Portrait nicht nur zum Markenzeichen von Ur-Krostitzer wurde, sondern auch das Wappen der Gemeinde Krostitz ziert.

Witzig mit Blick auf die „Kalenderbriefe“ war nun auch der Ort, an welchem die Preisverleihung in Leipzig stattfinden sollte. Die Preisträger sollten sich nämlich im Ratskeller der Stadt Leipzig einfinden, der sich im Keller des Neuen Rathauses befindet. Wer sich im historischen Leipzig ein wenig auskennt, weiß, dass sich das Leipziger Neue Rathaus genau dort befindet, wo bis 1897 die Pleißenburg zu Leipzig stand. Erst zwischen 1899 und 1905 wurde an dieser Stelle der Bau für das Neue Rathaus errichtet, dessen Architektur mit dem Turm an die frühere Pleißenburg erinnert. Wer sich jetzt auch noch mit Details aus dem Leben Erhard Weigels auskennt, kennt die Anekdote von Weigel und einem Vorkommnis auf der Pleißenburg. Doch kurz zu Weigel: Erhard Weigel hatte zwischen 1647 und 1650 an der Leipziger Universität studiert und seinerzeit die Reformbemühungen zur Kalenderreform von 1700 maßgeblich mit auf den Weg gebracht. Nach seinem Studium und bevor er 1652/1653 als Mathematik-Professor nach Jena ging, hatte Weigel in Leipzig noch als Privatgelehrter gewirkt. Und in diese Zeit fällt nach einer Anekdote die folgende Geschichte, die im Prinzip lediglich ein Wortspiel mit dem lateinischen ’stellatum‘ ist und die wir in den Lebensbeschreibungen des Philosophen Christian Wolff finden.

„Es waren dem Commendanten auf der Pleißenburg Latten bey nächtlicher Weile gestohlen worden und er hatte der Schildwache anbefohlen, Acht darauf zu haben, wer sie wegnähme. Des Abends kommet M. Weigel mit einigen Studenten dahin, wo sie liegen, um Ihnen die Sterne zu zeigen und Sie sie kennen zu lernen. Als nun die Schildwache fragte: Was macht ihr da? und einer von den Studenten antwortete: wir gehen stellatum, sagte die Schildwache: Ey seyd ihr diejenigen, welche die Latten stehlen, und sie werden in Arrest genommen und den Häschern ausgeliefert, welche sie ins Häscher-lohn brachten. Als nun des Morgens dem Commendanten berichtet wird, daß M. Weigel nebst einigen Studenten diejenigen wären, welche kämen die Latten zu stehlen und er leicht unrecht vermerckte, deswegen den M. Weigel zu sich kommen ließ, …“ (Fußnote 3, Seite 130 f.)

Weigel wollte mit seinen Studenten den Turm der Pleißenburg besteigen – ’stellatum‘ gehen, um den Sternenhimmel zu beobachten, und wurde stattdessen des Lattendiebstahls verdächtigt – die Wache hatte soetwas wie ’stehl‘ Latten‘ verstanden. Weigel war übrigens mit dem Kommandanten der Pleißenburg, Basilius Titel, befreundet, ein Ingenieur, der als Privatgelehrter ein Interesse an Mathematik und Astronomie pflegte und der Weigel insbesondere die Nutzung seiner Instrumente und seiner wissenschaftlichen Bibliothek erlaubte (siehe auch hier, ab Seite 86).

Doch nun zurück zur Preisverleihung. Es gab insgesamt in diesem Jahr sechs Themenpreise, und zwar in den Kategorien Industriegeschichte, Ortsgeschichte, Handwerksgeschichte, Erinnerungskultur, Dokumentation, Lebenswerk und Wissenschaftsgeschichte. Beeindruckt hat mich die Vielfalt der Themen, die prämiert wurden. Da gab es ein anlässlich der Erinnerungen an den Beginn des Ersten Weltkrieges ediertes Kriegstagebuch über den gesamten Kriegszeitraum von 1914 bis 1918, eine Arbeit zur Lausitzer Glasindustrie, die die Region geprägt hat, oder eine Dokumentation zu den Totenzahlen der Luftangriffe auf Dresden des Februar 1945, welche die Zahlen des Abschlussberichtes der Dresdner Historikerkommission nicht nur in Frage stellt, sondern erheblich nach oben korrigiert.

Der Hauptpreis ging an ein unglaublich akribisch gestaltetes Leporello zur Geschichte der Stadt Quedlinburg, die ich auch immer wieder sehr gern besuche.

Insgesamt war die Preisverleihung eine sehr nett organierte Veranstaltung. Zurück in Göttingen, war ich natürlich neugierig, ob es überhaupt irgend eine Resonanz auf meinen Preis gab. Die mit mehreren Fehlern bestückte Notiz beim Stadtradio Göttingen blieb aber das einzige „Medienereignis“. Hier muss man schon mindestens das Bundesverdienstkreuz, einen Leibniz-Preis oder gar einen Nobelpreis aufbieten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. So bleibe ich ich zum Glück weiterhin einigermaßen unbehelligt. 😉

Ach ja, mein Preisgeld lasse ich übrigens direkt als Spende an die Erhard-Weigel-Gesellschaft in Jena überweisen, die sich der Forschung zum Leben und Wirken Erhard Weigels verschrieben hat.

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